Eins meiner Berliner Lieblingscafé serviert sehr guten, weil selbst gerösteten Kaffee und sehr gute, weil selbst gebackene Kekse und hat im Winter einen Platz an einem großen Holztisch, im Sommer einen in der Sonne für mich frei. Meistens jedenfalls. Das macht das Café für mich zu einem Ort, den ich gerne und regelmäßig aufsuche, zu einem guten Ort.

Aufenthaltsqualität

Ich weiss, was mich erwartet, kann meine Freunde dahin bestellen,  kann an dem großen Tisch auch mal arbeiten oder aber die Straße beobachten und meinen Gedanken nachhängen. Ich kann das nächste Kapitel meines Lebens dort entwerfen oder Kündigungen Liebesbriefe schreiben.  Ich kann mit dem Wirt ein paar Worte wechseln oder Zeitschriften durchblättern. Wenn Mensch sich an Orten so wohlfühlt, spricht der Fachmann von Aufenthaltsqualität.

Die Aufenthaltsqualität eines Ortes wie einem Hotel, einer Stadt, einer Shoppingmall oder einem Flughafen setzt sich aus verschiedenen Variablen zusammen: Die Lage, die Architektur, die Haptik, das Interoir-Design, Gerüche, Lautstärke und alles was unsere Sinne anspricht, spielt eine Rolle. Ob es eng ist oder eher großzügig gestaltet hell oder eher dämmrig, ob die anderen Menschen dort sympathisch oder zumindest interessant sind, natürlich auch. Das Angebot an Sachen, die ich unternehmen, anschauen, anfassen, lernen und tun kann ist wichtig.

Food Rules

Der Statistik nach, die Steffen Eric Friedlein von der ECE beim Gastro-Immobilien-Kongress vergangene Woche zitiert hat, hat das Gastro-Angebot zunehmend etwas damit zu tun, ob Menschen sich etwa in Shoppingmalls gerne aufhalten: Jeder zweite nimmt während des Besuchs einer Shopping Mall mittlerweile eine Mahlzeit zu sich. Und er ist anspruchsvoll geworden, der shoppende Genießer: er möchte gute, sprich frische, saisonale, vielfältige Angebote. Am liebsten auch wechselnde und immer wieder neue.   Wie viele sich wohl gar aufgrund eines bestimmten gastronomischen Angebots für oder gegen eine Mall entscheiden so wie der weitgereiste Moderator Axel Weber gestand, sich bei der Reiseplanung zunehmend aufgrund des gastronomischen Angebots für oder gegen ein Hotel zu entscheiden. Und wer Stellenanzeigen im digitalen Gewerbe verfolgt, weiss wie schwer das kulinarische Angebot da  bereits punkten kann. DieRatzfatzSatt-Kantine des Lageso-Berlins könnte jedenfalls so einige Punkte holen!

Bikini Berlin: Make yourself a home

Make Yourself A Home

Bequeme Sitzmöglichkeiten, Rückzugsorte und Blickachsen steigern die Qualität. Man muss kein Feng Shui Spezialist sein, um zu wissen, dass Menschen lieber an der Wand als mitten im Raum sitzen, dass sie gerne Ausblick haben und dass die Möglichkeit, den Raum den eigenen Bedürfnissen anzupassen und damit mitzugestalten, allgemein positiv wahrgenommen werden. Ausreichend Raum zu haben ist ein je nach Kultur unterschiedlich ausgeprägtes Phänomen, aber wir kennen alle das Gefühl, wenn im Fahrstuhl auch nur annähernd so viele Personen einsteigen, wie die Höchstlast ihm zugestehen würde oder wenn wir im Restaurant den Stuhl nur ungern zurückrücken, weil der Tischnachbar so dicht sitzt.

Multitasking Place

Unsere Ansprüche an Orte steigen, mit unseren Erfahrungen, mit dem Alter, mit der Globalisierung, mit unseren sich verändernden Lebenswelten. Ein Ort hat heute zu unterhalten, zu entspannen, zu inspirieren, zu erfreuen und ein Mythos, eine Geschichte, die man weitererzählen kann, wäre natürlich auch klasse (Storytelling, you know!). Der Ort ist möglichst auch fotogen, so dass wir Fotos mitnehmen und sharen können, uns vor Ort mit einem Selfie ins Szene setzen – so der Ort unsere eigene Marke stärkt, versteht sich.

Neben all den Eigenschaften braucht ein Ort eine Adresse, eine physische Grenze und eine Bezeichnung. Bei letzterem mag es unterschiedlich formelle Varianten geben, aber wichtig ist, dass alle wissen, wovon genau die Rede ist, wenn man vom Ort spricht. Idealerweise hat der Ort aber auch ein second life, eine virtuelle Adresse, die ich sharen kann, bei der ich mich einchecken kann (z.b. Facebook, Swarm, Yelp o.ä.) eine Online Reputation, die auf mich abfärbt (Instagram, Facebook, Google Platzierungen).

Da geht es dem Ort ähnlich wie dem Food – was ich nicht fotografiert habe vor/nach/während des Konsums, zahlt nicht auf meine eigene Brand ein. Und die ist nicht nur für Influencer wichtig geworden: Ob mit dem neuen Burger oder mit der Elb Philharmonie im Hintergrund, ob aus Tulum (weil man da 2016 gewesen sein muss!) oder von der neu eröffneten Terrasse / Mall/ Ausstellung – Kontext rules.

What are you hungry for?

Place to Be? Place to Listen Carefully!

Und mit der Macht der Verbraucher und Besucher schließt sich auch der Kreis zur Markengestaltung: Orte sind heute nicht mehr am Reissbrett entworfene Ideale, sondern Plattformen, die durch die durch Social Media gestärkten, erlebnishungrigen und gestaltungswilligen Pro-Sumenten ausgestaltet werden. Sie entscheiden, ob sie den Raum annehmen und für was sie ihn nutzen wollen: Das Kaffee als Arbeitsplatz? Der Store als Online-Shopping-Plattform, den Buchladen zur Shoppingberatung, die Shoppingmall als Meeting-Place? Der Verbraucher entscheidet, ob ein Ort zum Place to be wird oder ob to leave bleibt.

Orte tun gut daran, flexibel und resilient aufgestellt zu sein, Gastgeber zu sein und wie bei einer guten Party darauf vorbereitet, dass die eigentliche Party dann doch in der Küche stattfindet statt auf der Tanzfläche. Es hilft, zuzuhören (Social Media ist da ein wahres Füllhorn) mit seinen Besuchern im steten Austausch zu sein,  Impulse annehmen zu können zu können und immer einen vollen Kühlschrank respektive Food Court zu haben!

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