In den Metropolen verdichten sich die großen Themen der Zeit: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Infrastruktur, soziale Gerechtigkeit und Bildung. Während in Hamburg im Rahmen des G20 Gipfels Putin und Trump das erste Mal aufeinandertrafen, in Istanbul Hunderttausende auf die Strasse gingen, war ich in Moskau auf dem Moscow Urban Forum. Hier stand die Stadt und der Prozess der Urbanisierung im Mittelpunkt: Welche Aufgaben ergeben sich für Städteplaner, für Bürgermeister, für Unternehmen? Welche Trends gilt es aufzugreifen? Welche Maßnahmen zu ergreifen? Und: Was können Städte voneinander lernen?

Megacities on the Rise

Wie beeinflusst der globale Agglomerations-Trend die ökonomische, politische und soziale Weltkarte? Und umgekehrt: Welche Faktoren beeinflussen das Agglomerationswachstum? Fest steht, die 300 größten Städte der Welt generieren 50% des globalen Brutto-Inland-Produktes und gelten als Durch die zunehmende Konzentration von Kapital, Talenten und Ressourcen verwandeln sie die Weltkarte spürbar erweitern sie ihren Einflussbereich kontinuierlich und dienen als die effizienteste Plattform für wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen. Dass Städte so ins Zentrum rücken ist nicht ganz neu, auch vor der industriellen Revolution gab es Städte mit globaler Wirkung, denken wir an Rom  und das römische Reich, an Athen, Konstantinopel, Alexandria oder das chinesische Chang’An (Xi’An).

Moscow Urban Forum. Ruslan Shamukov/TASS Photo Host agency

Megacities, Massen-Agglomerationen aber sind ein neues Phänomen.  Länder und Nationalstaaten sind nicht weiter die treibenden Kenngrößen. Und auch Städte sind es vielleicht nur vorübergehend, der Trend der Urbanisierung geht noch einen Schritt weiter: Städte wie wir sie kennen wachsen zusammen zu Megacities, siehe Boston und New York, Tokio und Yokohama und auch über Ländergrenzen hinweg schaut man nach Vancouver und Seattle. Während für uns Europäer urbane Zentren mit 10 Millionen groß scheinen, potenziert sich das für den asiatischen Raum. Noch ist Tokio die größte Stadt mit knapp 40 Millionen Menschen, aber China plant bereits Städte mit bis zu 100 Millionen Einwohnern.  Diese neuen, hochkonzentrierten Formen der Agglomeration  erfordern neues Denken, neue Infrastrukturen, neues Planen und eine neue Flexibilität. Glaubt man einem, der es wissen muss, Kadir Topbaş, dem Bürgermeister von Istanbul, so liegt die größte Herausforderung in der Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum („Soziale Mischung muss erhalten bleiben“).

Weitere Herausforderungen liegen, da ist er sich mit den anderen Panelteilnehmern, wie Sergey Sobyanim aus Moscow oder Thomas Geisel aus Düsseldorf einig in den Bereichen Logistik & Transport, Bildung & Healthcare, Kommunikation & Verwaltung, Connectivity & Digitalisierung.

Moscow Urban Forum. Evgeny Kurskov/TASS Photo Host Agency

Urbanisierung als Trend für Unternehmen & Marken

Warum das Wissen um diese Entwicklungen so wichtig für Marken und Unternehmen ist, machen ein paar aktuelle Zahlen deutlich:

  • fast 55 % der Weltbevölkerung lebt heute bereits in Städten
  • in diesen Städten entsteht 80 % der Weltökonomie
  • etwa 25 % aller Menschen leben in Städten mit mehr als 1 Million Einwohner
  • etwa 20 % leben in den 300 erfolgreichsten Metropolregionen, in denen 49 % des weltweiten Bruttoinlandprodukts erschaffen werden.

The influence of global metropolitan areas on trends and brands cannot be overstated. The fate of global brands is decided in global cities. If we want to be successful in the future, we need to win in key cities. Our focus on key cities enables us to activate our categories in the right areas and engage with communities in the most relevant neighbourhoods. All of this ensures that our brands shine where they have the biggest impact to drive brand heat. That is both within and – through the halo effects created – also beyond city borders.
CHRISTOPHER WILLIAMS, VICE PRESIDENT COMMERCIAL PLANNING AND DEVELOPMENT

Wie bereits erwähnt, konzentriert sich z.B, Adidas seine Strategie bis 2020 ganz auf die urbane Bevölkerung und insbesondere auf Los Angeles, New York, London, Paris, Shanghai and Tokyo. Man knüpft eindeutige Erwartungen an den Fokus:  “the company expects to double its business in each of these urban centres over the next five years.”

Moscow Urban Forum. Evgeny Kurskov/TASS Photo Host Agency

Spät gezündet Moskau, hoch hinaus

Dass das Urban Forum in Moskau stattfindet, ist kein Zufall. Moskau hat sich in den letzten Jahren extrem weiterentwickelt, gibt der Düsseldorfer Bürgermeister Geisler beeindruckt zu.

Ulrich Heyden für RT Deutschland

PWC untersuchte dieses Jahr die Rolle der Agglomerationen in Bezug auf das globale und nationale Wirtschaftswachstum und konstatierte aus ihrer Studie nüchtern:

Agglomerations are the engines of economic development in their countries, outpacing countrywide averages on 11 of 13 indicators. Moreover, agglomerations are growing faster than their administrative borders. In this respect, having a single coordination and management body can play an important role in an agglomeration’s success.

The Moscow agglomeration is ranked second in the top 20 and significantly outpaces the rest of Russia on 11 of 13 indicators. Only the Beijing agglomeration has better results (12 0f 13). The Shanghai and Istanbul agglomerations are together with Moscow in second place (11 of 13).

In Sachen Digitale Avantgarde sieht das allerdings noch etwas anders aus: So erfuhr Die Zeit unlängst im Rahmen Ihres Artikels zu den Möglichkeiten eines russischen Silicon Valleys: ” Die russische Regierung hat 2012 auch einige Institutionen ins Leben gerufen, mit dem Ziel Innovation zu fördern. Die Russian Venture Company (RVC), die Russian Corporation of Nanotechnologies (RUSNANO) und die Skolkowo Foundation etwa. Insgesamt betrachtet “lösen sie die Probleme des Innovationssystems aber nicht”, sagt ein Technologie-Experte aus Moskau, der bei einem großen amerikanischen Tech-Unternehmen arbeitet und wegen der Spannungen zwischen Russland und den USA namentlich nicht genannt werden möchte.

Takeaway und Anekdoten am Rande

1)  Bei der Recherche zum Moscow Urban Forum, das sich MUF abkürzt, fiel auf, dass in Deutschland MUF für Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge steht und damit gar nicht so weit weg.

2) In Deutschland arbeitet die Alfred von Herrhausen Stiftung intensiv zu dem Themenkomplex Urbanisierung.

Moscow Urban Forum. Ruslan Shamukov/TASS Photo Host agency

3) Parag Khanna, der die Eröffnungssession moderierte, sollte man sich merken. Er gehörte zur außenpolitischen Beratergruppe bei der Präsidentschafts-Kampagne von Barack Obama und forscht aktuell am  Centre on Asia and Globalisation, ist CNN-Experte und Strategieberater.

4) Moskau und Düsseldorf verbindet eine lebendige Städtepartnerschaft, die den Düsseldorfer Bürgermeister Thomas Geisel immer wieder nach Moskau bringt und dazu, mir die beste Jogging-Strecke entlang der Moskwa zu verraten (ca 10 km!).

5) Putin war zwar in Hamburg, schickte jedoch eine Grußbotschaft!

Moscow Urban Forum. Sergey Bobylev/TASS Photo Host Agency