Wenn man von Stadt spricht, ist das Land nicht fern. Im Gegenteil: als sich damals die ersten Städte  bildeten, taten sie dies in Abgrenzung zum allgegenwärtigen Land. Stadt bedeutete damals  Sicherheit, Handelsstätte, Treffpunkt und veortete sich daher gern an strategisch wichtigen Kreuzungspunkten von Handelswegen. Stadt bedeutete aber auch Repräsentation, Macht und bald Zivilisation, Bildung, Kultur. Heute sprechen wir auf der Grundlage des Megatrends Urbanisierung vom Urban Age, von einem Zeitalter der Städte. Von einer neuen Machtstellung der Städte, auch einer Attraktivität gegenüber dem Land, das sich leert.

Die Rolle der Stadt

Welche Rolle spielt die Stadt heute als Lebensraum? Was muss sie bieten, liefern, ermöglichen, sichern? Stadtentwicklung, Stakeholder Engagement, Beteiligungsprozesse und insbesondere Fragen der Nachhaltigkeit, Vernetzung, Ernährung, Mobilität oder Logistik werden heute intensiv diskutiert. “Smart” sollen sie werden , die Städte von morgen, dabei stehen gleichermaßen Themen wie Wohnraumsicherung und digitale Kompetenz auf der Agenda, Aufenthaltsqualität, Bürgerbeteiligung und Gestaltungswillen und nicht zuletzt – die Dialogbereitschaft und das StadtMarke(ting) .

© Anne Seubert

Welche Rollen, welche Funktion, welche Aufgaben haben Städte heute? Welchen Aufgaben stehen sie gegenüber? Was macht Stadt überhaupt aus? Was macht eine Stadt beliebt bei ihren Bewohnern, bei Investoren, Unternehmen, Touristen? Was macht Städte gerade zum Dreh- und Angelpunkt und unsere Zeit zum Zeitalter der Städte? Und: Wer soll und kann heute Stadträume gestalten?

Eine Stadt, eine Marke?

Letzen Monat waren wir eingeladen zu einem Workshop, bei dem es unter anderem um die Differenzierung zwischen Stadtmarke (Einwohner) und touristischer Marke (Destination) ging. Dabei zielten all diese Frage auf die Aufenthaltsqualität von Städten: Was macht eine Stadt zur Stadt und worin besteht ihre Qualität? Was waren und sind Bedürfnisse, auf die Stadt die Antwort liefert?  Warum muss eine Stadt heute sexy und romantisch sein, und warum ist Berlin, die Stadt die ich besser als jede andere kenne, da so weit vorne?
Unter Urbaner Romantik –  manifestieren sich dieser Tage die Sehnsüchte der Großstädter auf in den Sozialen Medien. Auuf instagram etwa als #urbanromantix oder #urbanpoetry getaggt küren sie Städte wie Berlin oder New York als  Petrischalen eines neuen, offensiv gelebten romantischen urbanen Selbstverständnisses und spiegeln die von Widersprüchlichkeiten ebenso wie Ausdruckswillen und Commitment.
Die Identität einer Stadt, da sind sich heute Wissenschaft, Verwaltung, Marketing & Wirtschaftsförderung einig. Die ko-kreativ entstehende kollektive Identität lässt sich nicht am Reissbrett planen,  sie erschafft sich von innen wie von außen, muss gelebt werden und damit zur Kultur werden. Stadt ist Abgrenzung und je klarer, wirkmächtiger und bewusster dieser Markenprozess von allen Stakeholdern – seien es Kommunen, Bewohner, Touristen, Stadtplaner, Kulturverantwortliche – gelebt wird, desto stärker wirkt die Marke nach innen und damit auch nach außen. Dass da Kompetenzen Not tun, die die Leitplanken und Spielregeln für diesen Prozess definieren und überwachen, liegt auf der Hand. Wie interdisziplinär und verschränkt dieses Kompetenznetzwerk angelegt sein sollte, ebenfalls.

© Anne Seubert

Wann ist morgen eine Stadt eine Stadt?

Migrations-Experten wie Kilian Kleinschmidt deklarieren temporär angedachte Flüchtlingslager als Städte von morgen, oder besser noch heute. China denkt bei Städten an Agglomerationen von über 100 Millionen Einwohner und gedenkt die Seidenstrasse als Handelsweg zwischen Städten und Welten neu zu beleben. Europäische Städte mit einstelligen Millionenzahlen wie Paris Berlin wirken da bereits wie Dörfer der Zukunft.

© OSSIP VAN DUIVENBODE

Konferenzen wie die Urban Future in Wien, die Dutch Design Week oder das Urban Forum in Moskau wagen den Blick in die Dämmerung der morgigen Städte und vermitteln zwischen den Akteuren und sorgen für einen Wissensaustausch über Kulturen und Kontinente hinweg. Wie organisiert man den täglichen Pendelverkehr in eine Stadt von 30 Millionen? Wie versorgt man eine 80 Millionenstadt mit Trinkwasser und Nährstoffen. Wie managt man eine Stadt, die aus zwei Städten über Nationalgrenzen zusammenwächst?
Im Schatten der zunehmenden Anzahl an Veranstaltungen zur Stadtwerdung, zur Zukunft der Städte, zum Zeitalter der Städte hat sich der Begriff  “Urban” zum Trendwort entwickelt.  Urban Outfitters, Urban Ears, Urban Drinks, Urban Retreat – Urban ist das neue Lifestyle und Indikator für eien Sehnsucht nach Coolness und Insidertum: Wer urban ist Teil, ist in, ist inner circle und eben keine Landpomeranze.

Experimentierlabor Stadt

Die Stadt als Möglichkeitsraum, als Labor gilt für alle Städte, aber für wenige so sehr wie für Berlin. Der Prothesenhersteller Ottobock hat das erkannt und hier ein FabLab gegründet, das Startups und Solo-Entrepreneuren einen Raum Räumlichkeiten, Knowledge und nicht zuletzt Maschinen wie 3D-Drucker fürs Prototypen, Connecten und Entwickeln. Konzerne entsenden ausgewählte Mitarbeiter zu kollektiven Sabbaticals nach Berlin, um die Experimentierluft und das Startup-Vibes einzuatmen, Maschinen wie 3D-Drucker, Ressourcen und Räumlichkeiten zur Vernetzung und Erprobung zur Verfügung stellt.  Adidas hat die Metropolen als Orte an denen Zukunft sich zuerst zeigt und damit die Metropolitans als Zielgruppe ersten Ranges definiert. In der Runbase Berlin werden Neuentwicklungen auf die Probe gestellt, bevor sie gegebenenfalls in die weiteren Märkte integriert werden. Berlin als selbsterklärter “Place to be” hat sein Trend-Potenzial erkannt und schickt es als Pop Into Berlin um die Welt.

Apropos Experiment:
Die  Bilder für diesen Artikel entstanden im Berliner Hansaviertel, das selbst als Experimentierfeld für Stadtviertel wie die Gropiusstadt dienten. Nach einem Gesamtplan bot jedes Gebäude einem anderen Architekten die Möglichkeit, sich zu verwirklichen und das Leben einer Der Stadt von morgen am lebenden Bürger zu erproben. Die Frankfurter Küche war nur ein Lehrstück, das überdauert hat, die Funktionalität, die sich in eine Ästhetik ergab, die uns heute noch oder doch wieder triggert. Der 60jährige Geburtstag und der Blick auf den Tiergarten tun sein übriges dazu, dieses Viertel wieder ins Bewusstsein der Berliner und auswärtiger Investoren zu verlegen.

Die Rolle der Orte im Zeitalter der Städte

Parag Khanna hat sich dem Thema Vernetzung angenommen und entwirft in seinem aktuellen Buch Connectography unsere Landkarte als  Gesamtheit von gerade mal 40 Städten, die teilweise miteinander vernetzt sind. Die Infrastruktur – und daraus entstehend die „Konnektivität“ – von Städten, Staaten und Unternehmen wird in Zukunft über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Khanna untersucht die Bedeutung dieser Energie-Punkte von Städten als Magneten als Umschlagplätzen von Wissen, Waren, Trends und Disruptions-Impulsen für die globalen Machtverhältnisse.
Die Stadt als Punkt auf der Landkarte, als Verdichtung und geopolitische Adresse lässt sich auch auf das Innenleben, den Körper von Städten übertragen: Urbane Orte gewinnen in unseren Zeiten der digitalen Disruption, der Vernetzung und der Urbanisierung an Bedeutung. Der Stadtbewohner ebenso wie der Stadtbesucher und der Stadtneuling suchen diese Orte auf um die Stadt zu erfahren, um sich zu vernetzen, um Ware & Wissen umzuschlagen und – um sich dem Bedürfnis der Zugehörigkeit und damit der kollektiven Stadt-Identität zu versichern: Ich bin ein Berliner!
In immer wieder neuen Formaten Anker zu schaffen, fordert die öffentlichen und privaten urbanen Akteure zunehmend zu Zusammenarbeit auf, um resiliente Anker zu schaffen und auf die Bedürfnisse der Stadtbürger eingehen zu können. Visionär, Initiator, Designer, Maker, Nutzer, Anbieter, Kunde oder Disruptor – die Rollen sind dabei immer wieder neu zu verteilen, die Verantwortung neu auszuhandeln, die Kompetenzen neu zu bündeln. Am Besten gelingt das auf Augenhöhe, in Netzwerken, die Kompetenz nicht an Kultur, Nationalität oder Geschlecht festmachen und Lust am Experiment und Spiel mitbringen.
Ein Beispiel für kreative Rollenfindung findet sich übrigens im Hafen Rotterdams.  Und für Menschen, Marken, Städte, Institutionen und Wandler zwischen den Städten und alle, die gerne stadtphilosophisch  in die Thematik eintauchen möchten: The Return of the City-State may be upon us!

© Anne Seubert