Made in Germany

Dass #madeingermany weiterhin ein Gütesiegel ist, von dem gerade auch Firmen profitieren, die nicht Teil des Berliner Präsentiertellers sind, war eine meiner Lektionen auf den Spuren der Hidden Champions in der Lausitz, Sachsen. Egal ob gewachsener Mittelstand oder Startup, visionär oder tief verwurzelt –  oder sogar beides – die Lausitz hat es faustdick hinter den Ohren, wenn es um Erfindergeist, Markenerneuerung und Nischennutzungsideen geht.

Erste Recherchen ergaben ein vielfältiges Bild: Bei Görlitz nickte die Kulturwissenschaftlerin in mir, bei Lausitz die Landschaftsfotografin, aber bei Hidden Champions, Brand Innovation und Industrie 4.0 in Sachsen war klar: Das schau ich mir an!

Marktführer, Hidden Champions, Disruptoren

Es wurde eine Kurz-Reise mit 9 Points of Interest, einer Insel der Sinne und zwei Außer-Haus-Mahlzeiten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Markt-Führer, Nischen-Nutzer, In-Frage-Steller. Und es begann, wo jede gute Party endet: Beim Abwasch in der Küche:

  1. fit!
    “Fit war nicht immer grün!”
    Eine der wenigen Erfolgsgeschichten, bei denen westdeutsche Marken wie Kuschelweich, Fenjal oder rei (in der Tube) zu Ostprodukten wurden. Ersteres von Unilever 2009 übernommen, macht heute 40 % des Gesamtumsatzes der fit GmbH aus. Seit 2016 umfasst das Markenportfolio mit Gard und Fenjal allerdings auch Kosmetikmarken. Es sollte auf dieser Reise die einzige Marke bleiben, die mir auf Anhieb ein Begriff war. Mit einer Ausnahme.

2. digades
“Es gibt hier mehr als Seen, Wölfe und AfD – zum Beispiel die kleinste Funkfernbedienung der Welt.”
“Funkkompetenz” schrieben sich 7 Visionäre zu Wendezeit auf die Fahnen und gründeten aus der Arbeitslosigkeit heraus ein Unternehmen, das heute über 200 Mitarbeiter zählt und Kunden von VW bis Daimler mit ebendieser Kompetenz in IOT und SmartMobility ausstattet. Forschung und Entwicklung werden hier entsprechend groß geschrieben, eng arbeiten sie unter der Leitung der nächsten Unternehmensführer-Generation  mit dem Impact Hub in Dresden zusammen.

3. Arnell
“Überall treten sie uns mit Füßen oder steht irgendwas auf uns drauf!”
Drei Hinterhöfe, einen nostalgisch anmutendem Maschinenpark sowie ca 20 traditionell ausgebildete Handwerker rund um die Fertigung von Gitterrostbefestigungen im malerischen Dörfchen Oderwitz hat Thomas Scholz 2015 übernommen. Mit wertezentrierter Vision, welterfahrener Managementkultur und sächsischer Sturheit, die sich offensichtlich durch Wendigkeit auszeichnet, führt er die Arno Hentschel GmbH freundlich aber bestimmt in die internationale Marke Arnell über. Die nächste Challenge ist der Breitbandausbau und die Zusammenführung auf einen statt drei Standorten.

Quelle: Goschütz/ENO

4. Skan Deutschland
“In der Wirtschaft ist es wie beim Fußball. Ein funktionierendes Team erzielt bessere Ergebnisse als viele Individualisten.”
Schweizer in der Lausitz? Aber hallo!  Der Schweizer Isolatorenhersteller für insbesondere die pharmazeutische Industrie suchte einen neuen Standort in EU-Gefilden und wurde im ehemaligen Kraftwerk Hagenwerder fündig. Höchste hygienische Standards treffen auf Beachvolleyball-Team-Spirit, Schweizer Genauigkeit auf sächsische Einöde: Der Erfolg gibt Ihnen Recht, wenn jetzt noch die Anbindung besser wäre, wären die Kunden noch öfter da. Wobei – die Verbindung Dresden-Basel steht dank Easyjet bereits.

5. Süßwarenfabrik Hoinkis

Liebesperlen – ein Versprechen mehr denn ein Name, kaum eine deutsche Kindheit – ob Ost, ob West – ohne. In 100 Stunden entstehen auch heute noch aus Zuckerkörnern bunte Perlen  – als Süßware und Dekozutat wie Nonpareilles ebenso wie als Grundlage für medizinisch verabreichte Pillen und Globuli – Healthy Hedonism, ich hör dir trappsen! Die Geschichte ist Drama, das Produkt unerschütterlich zugleich, denn dem Rezept konnten auch erst Umwandlungen in eine halbstaatliche Kombinatsgesellschaft, vollständige Enteignung und Führung als reiner Produktionsbetrieb bis zum Rückkauf von der Treuhand auf Kredit nichts anhaben. Bislang auch nicht die Zuckerdiskussion.

6. niiio.de
“Banking musste neu erfunden werden.”
Wo liegt die Zukunft der Wertpapierberatung und wie lässt sich die Vertrauenskrise der Banken überwinden? Wie geht smartes Portfoliomanagement? Fragen wie diese mit SAAS-Produkten zu beantworten, trat Johann Horch mit seinem hochkarätigen, interdisziplinären Team und in enger Zusammenarbeit mit den Hochschulen in der Altstadt Görlitz an: disruptierend, ambitioniert, börsennotiert und lustvoll! Das nächste Projekt steht schon in den Startlöchtern und auch hier gilt: volle Innovationskraft voraus!

Quelle: Goschütz / ENO

7. Borbet
“Wo lackiert wird, bitte keine Fotos!”

Große Hallen, viele Männer, heiße Öfen. Der erste Schritt ist das Einschmelzen von Aluminium. Fehler haben es hier schwer, scheint es, allein das Aluminium als Hauptzutat wird auf Herz und Nieren geprüft bevor es überhaupt los geht. Der letzte Schritt in der Produktionskette, bevor das Produkt ins Lager überführt wird, ist das Finden von Paaren, denn nur pärchenweise werden sie ausgeliefert, die weltweit geschätzten Leichtmetallräder von Borbet. Borbet? Never heard of, musste ich gestehen,  und das liegt nicht nur daran dass ich von Autos keine Ahnung habe, sondern auch daran, dass es sich zumeist um White Label Lösungen handelt, ob nun für Daimler, VW, BMW oder Porsche. 

8. Schweighofer
“Twin Peaks Feeling in Kodersdorf.”
Trocknen, Föhnen, Schneiden ? Kurz vor Feierabend sind wir nicht beim Friseur, sondern im Sägewerk gelandet. Fichten und Tannen werden hier zu Latten und Schnitzel verarbeitet  denn Holz ist nicht alles, aber ohne Holz käme so manches Bauprojekt nicht aus dem Knick. Nicht zuletzt hat uns die Forstwirtschaft das Prinzip Nachhaltigkeit beigebracht und nicht von ungefähr ist der Meister hier im Erstberuf Forstwirt. Und damit zu den (Lotto-)Zahlen: Zusammen mit gut 500 Mitarbeitern werden dank einer Hobelkapazität von 360.000 m³ jährlich etwa eine Million Festmeter Rundholz bearbeitet.

9. Acosa
Damit der Airbus fliegen kann, werden hier Leichtbauteile hergestellt. Nach alter Bienen Bauweise wabenartig zu Platten geformte Kunststoffe werden verstärkt, zugeschnitten, verleimt und geschliffen um Fenster, Böden, Türen zu werden – wenn sie das Werk nach eingehender Prüfung wieder verlassen dürfen. Logistik ist Trumpf, Produktqualität Pflicht und der Akkord gibt das Tempo vor. So wird hier immer noch geschliffen, als wir abends auf eine Stippvisite vorbeikommen, ohne Handarbeit geht es noch lange nicht.

Team, Tor und Türen öffnen

Öffnen, auch wenn da noch gar keine Tür zu sehen. So schien es bei manchem Gespräch mit den Geschäftsführern, Mitarbeitern und insbesondere Marken- und Personalverantwortlichen. Einfach gibt es nicht, aber unmöglich ist auch keine Lösung.

Was wäre wenn auch nur aus einigen dieser Hidden Champions Flying Champions werden würden, ein paar der Türen offen blieben und durchschritten würden.
Wenn statt 9 Männern bald 9 Frauen ihre Unternehmen präsentierten?
Und wenn der Marke Lausitz aus ihrer Schmuddelecke rausgeholfen werden würde?

Genau!  Let’s work on that!

Mehr Bilder zur Tour und zu Görlitz gibt es übrigens auf Instagram oder www.wortlaute.de

Vielen Dank an dieser Stelle an alle Gesprächspartner, Brückenbauer, Türenöffner, Frühstücksservierern, dem Wettergott und natürlich der  Matrix