Disclaimer: Persönlicher Erfahrungsbericht von einer die auszog und die Arbeit mitnahm.

Coworking. Auf dem Land. Groß in Mode. Aber nix für mich!… dachte ich immer, denn a) wohne ich mitten in Berlin und b) hat sich das Prinzip Co-working für mich bislang nicht bewährt. Auf einem Juni-Wochenende im Fläming (Brandenburg), südlich von Berlin,  übernachtete ich allerdings endlich mal im Coconat: Eine Nacht im Grünen, in einem Haus, mit Zimmern so schlicht, so angenehm, mit Essen so hausgekocht wie aus großen Töpfen zum gemeinsamen Mal um den Gartentisch zu schöpfen, und Menschen auf Augenhöhe. Ich entschied, wiederzukommen.

Workation | Rückkehr zum Arbeiten

Mein zweiter Besuch sollte nicht vergnügungssteuerpflichtig ausfallen, sondern die Balance halten zwischen “Dingen abarbeiten”, “Zeit zum  Sonnenuntergang genießen” und “Füße und Hände schmutzig machen”.  Ich wollte für mehr als eine Nacht wiederkommen, denn seit ich selbstständig bin, gehört es zu meinen Prinzipien mindestens einmal im Jahr die Freiheit auszukosten und für mindestens einen Monat von einem anderen Ort aus zu arbeiten. Heuer also: Brandenburg, genauer Klein Glien!

Was hat es auf sich mit diesem Ort? Was kann dieser Ort? Was müssen Orte heute können? Mit welchen Erwartungen begegnen wir Orten? Fragen, die bei uns von Brands & Places immer mitreisen: Orte und ihre Faszination, ihre Fähigkeit, Kontexte zu schaffen, Menschen zusammenzubringen und Regeln und Werte zu kommunizieren.

Die Idee

Im Garten frühstücken, mittags mit anderen gut und gerne zusammenessen, abends lange Spaziergänge über feierabendliche Felder. Zwischendurch: mit gutem Wlan ungestört im Coworking-Raum arbeiten. Ausserdem maximal 20 Stunden pro Woche mitarbeiten, bei allem was anfällt, um die Kosten für Kost und Logis direkt wieder abzuarbeiten und den Kopf frei zu arbeiten mit Geschirr abwaschen, Gäste willkommen heißen, Snacks servieren und Co.

Frühstück im Grünen, Fläming, Workation Retreat | © Anne Seubert

Der Ort

Das Coconat! Ein selbsternannter Ort im Nirgendwo, der Jenseits von klassischen Hospitality- und Work-Konzepten einen Ort geschaffen hat, an dem ebenso wie die mitgebrachten Projekte man wachsen und gedeihen kann. An dem Community groß geschrieben wird, die Kasse eine Vertrauenskasse ist, in die jeder seine Biere direkt bezahlt und mittags aus einem Topf an einem Tisch gegessen wird.

Man kann sich für ein paar Stunden Co-Working in einem der mit Ruhe, Blicks ins Grüne, Tischen und Stühlen ausgestatteten und als Co-Working-Räume deklarierten Räume einmieten und dann auch den weiträumigen Garten nutzen, denn der ist inklusive und das WLAN hält bis unter den Baum ganz hinten, wo die Sitzsäcke baumeln. Man kann sich für eine oder mehrere Nächte einmieten, allein oder als Gruppe, im Einzel-, oder Gruppenzimmer, im Glampingzelt oder gleich das eigene Zelt mitbringen. Man kann Workshops anbieten oder Barcamps veranstalten, man kann den Yoga-Raum oder die Saune auf dem Gelände mitnutzen oder als Gruppe sein eigenes Ding machen. Und man kann je-der-zeit im zentralen Pub auf einen Kaffee-, Tee-, Bier -Päuschen einkehren und die Füße hochlegen.

Sonstiges Features:
  • Location: Brandenburg – ergo kaum Ablenkung, wir erinnern uns an:
  • Starkes WLAN
  • Alles, was auf der Theke steht ist frei (Chips für die Nerven, Kaffee fürs Hirn)
  • Gegessen wird was auf den Teller kommt und das ist frisch, vegetarisch und bei Bedarf auch gluten- oder laktosefrei, you name it
  • Alle für einen, einer für alle: Brauchst du was, stell die Frage! Kannst du was, teile! Willst du was lernen, mach mit!
  • Gemeinsam kreierte Plattform weiterhin voller Gestaltungsmöglichkeiten, gleichzeitig mit klarer Vision durch ein engagiertes Gründerteam
  • Du bestimmst wieviel Rückzug du brauchst, die Felder Brandenburgs stehen parat für ausgiebige Spaziergänge zum Mittelpunkt der DDR, Ausflüge zu den ehemaligen Heilstätten in Beelitz oder ein Stück Kuchen im Nachbarort

Das Konzept “Dritter Ort”

Wir hatten es hier schon öfter  vom Konzept der Dritten Orte, zumeist allerdings im urbanen Kontext. Dass sie durchaus auf dem Land sinnvoll etabliert und mit Liebe lebendig gemacht werden können, zeigt sich wenn man die Bedarf mit dem Kriterienkatalog für Dritte Orte (Third Places) abgleicht, den Oldenburg seinerzeit anlegte: Neben Erreichbarkeit, Verfügbarkeit und niedriger Eintrittsschwelle nennt er auch das Willkommen-heissen von Neuankömmlingen neben der Präsenz von Stammgästen.  Auch die Beispiele von Café über Bibliothek bis zu öffentlichen Plätzen, von Kirch- bis Fußballplatz, passen gut. Und trotzdem ist es nicht trivial. Dass Menschen sich wohlfühlen. Dass Menschen den Ort als eigenen Ort, als Heim fern der Heimat wahrnehmen und bespielen bedarf nicht nur eines guten Konzepts sondern auch einer hohen Toleranzschwelle und eines langen Atems, sowohl wörtlich als auch ressourcenseitig. Aber wenn, dann magic!

Who is in? Wen trifft man dort?

Eine bunte Mischung aus Yoga-Jüngern, Startups und Work-and-Travelern. Die sonst häufig durch Kleidung und Verhalten formierte Grenze zwischen Gastgeber und Gast verschwimmt hier absichtlich, wer, wer ist klärt sich oft erst beim gemeinsamen Feierabendschnack. Unter den Gästen findet sich im Laufe eines Monats:

  • Agenturen, Agenten und Agile Coaches sowie ihre jeweiligen Teams, von namhaften Digitalunternehmen, über New Work Verkünder, bis zur Bank neuen Formats
  • diverse junge Unternehmen, die Dinge anders angehen, die Welt am liebsten aus den Angeln und Teams aufbauen möchten und dafür raus aus dem gewohnten Kontext wollten
  • die ein oder andere Yogalehrerein auf Fortbildung
  • mehrere Runden Wissenschaftler, die Themen von Nachhaltigkeit bis Smart City mitgebracht haben
  • Doktoranden, allein oder in Gruppen auf der Suche nach Ruhe
  • diverse Journalisten und Autoren mit mitunter gleich mehreren Textprojeken und ihren Deadlines im Nacken
  • Gründungswillige mit dem Businessplan, der Website, der nächsten Orientierungsphase im Gepäck
  • Männer um die 50 auf der Suche nach einem Sinn, einer Aufgabe, eine Wiederbegegnung mit sich
  • Frauen auf der Suche nach Abstand, Gesprächen, Schutzräumen für Gedanken jenseits von Küche und Karriere
  • Landzugswillige und bereits gezogene auf der Suche nach Austausch und gutem WLAN
  • ein Bündel Work-and-Travel-Jünger mit der Ambition günstig durchs Land zu kommen, nah an Berlin zu sein und dabei ein bißchen deutsch zu lernen
  • Gartenfreunde und Bienenköniginnen
  • Menschen, die gerne kochen und das am liebsten für andere
  • Wiederholungstäter, die regelmäßig für eine Auszeit kommen, sich der Entschleunigung routiniert hingeben, ihr Zimmer zur Mirabellen buchen und wissen welcher Massage-Therapeut goldene Finger hat – und dir Einsteiger das gute Gefühl geben, dass der Platz guttut, sonst wären sie nicht zum wiederholten Mal da.

Und viele andere mehr. Wer willkommen ist? Jeder, der sich angezogen fühlt und mitmachen will, denn, eine Regel gibt es: Nur zuschauen ist nicht!

Coconat Workation Retreat | © Anne Seubert

Got the Work done? Was it worth the trip?

Vermutlich nicht unwichtig: Hier erfreulicherweise das Du, die Arbeitssprache ist Englisch, gleichwohl finden sich auch immer deutschsprachige Tische, nicht zuletzt da an den Wochenenden auch Cafébetrieb und die Anwohner immer herzlich willkommen sind, deren Russisch jedoch stärker als ihr Englisch. Und ja, ich habe viel gelernt, viel gearbeitet und bin trotzdem zur Ruhe gekommen.Ich war zwischendurch drei- viermal auf Terminen in Berlin und Frankfurt und bin jedesmal gerne wieder zurückgekommen Vielen Dank daher an dieser Stelle an alle, die Teil dieses Abenteuers waren, die mich genährt und inspiriert haben!

Digital Sommer Prignitz Keyvisual

Wer ähnliche Erfahrungen machen möchte, schaut sich genau diesen Ort mal selbst an oder andere wie das Co-Dorf von Frederik, der übrigens auch im Coconat aufschlug während ich da war und u.a. gerade in Wittenberge mit dem Digitalsommer Prignitz eine Experience auf die Beine stellt, die sich lohnen könnte. Oder ihr lest sich erstmal in der Zeit ein: Coworking auf dem Land, pack den Laptop ein!

Fazit? Gönnt euch einen Sommer auf dem Land, eine Runde Landeiersuche, einen Himmel ohne Wolkenkratzer. Und dann meldet euch und berichtet, ich freu mich drauf!